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Selbst wenn ein Modell definitionsgemäss die Realität nicht mit absoluter Genauigkeit beschreibt, kann es dennoch hilfreich für politische Entscheidungsprozesse sein. Zur Beurteilung der Auswirkungen von präferenziellen Handelsabkommen auf die Schweizer Landwirtschaft stehen dem BLW mehrere, sich ergänzende ökonomische Modellierungsinstrumente zur Verfügung. Internationale Verhandlungen könnten ohne die Ergebnisse aus diesen Modellen nicht in derselben Qualität geführt werden.

Zur Unterstützung politischer Diskussionen setzt der Fachbereich Internationale Handelsbeziehungen (FBIH) des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) seit mehreren Jahren quantitative Wirtschaftsmodelle ein, mit denen sich die künftigen Auswirkungen präferenzieller Handelsabkommen auf die Schweizer Landwirtschaft einschätzen lassen. Möglich wurde die Einführung und Anwendung dieser Instrumente dank der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen (Europäische Kommission, International Trade Centre – ITC, Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen – FAO, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – OECD) sowie mit Universitäten. Derzeit hat der FBIH Zugang zu drei partiellen Gleichgewichtsmodellen für den Agrarsektor: a) Common Agricultural Policy Regionalised Impact Modelling System (CAPRI); b) Simulation Agricultural Trade Utility for Research and Negotiations (SATURN); c) Aglink-Cosimo.

Das Modell CAPRI (www.capri-model.org) wurde mit Forschungsgeldern der Europäischen Kommission entwickelt. Es wird seit mehr als zwei Jahrzehnten und im BLW seit 2012 verwendet. CAPRI ist nur dank eines europaweiten Netzwerks von Forschenden möglich. Diese arbeiten im Rahmen eines offenen Ansatzes an gemeinsamen Projekten, entwickeln das Modell weiter und verwenden es zur Bewertung der Auswirkungen der Agrarpolitik. Das Modell deckt die wichtigsten Landwirtschaftsprodukte ab und ermöglicht die Darstellung bilateraler Handelsströme. Dank der globalen geografischen Abdeckung lässt sich die Handelspolitik von 45 Regionen endogen modellieren. Schliesslich liefert das Modell auch mehrere Umweltindikatoren, z. B. die Treibhausgasemissionen. Bisher kam das Modell zum Einsatz, um die Auswirkungen von neuen Marktzugangsbedingungen der Schweiz durch aktuell verhandelte präferenzielle Handelsabkommen einzuschätzen. Auch eine Analyse der vom Modell erfassten Treibhausgasemissionen wurde durchgeführt. Die Teilnahme am CAPRI-Netzwerk ermöglicht einen Wissenstransfer zwischen Entwicklern, erfahrenen Nutzern und anderen Teilnehmenden über neue Fortschritte im Bereich der quantitativen Modellierung. Das BLW wurde im Rahmen des CAPRI-Konsortiums damit beauftragt, die letzte Schulungseinheit für eine fortgeschrittene Anwendung des Modells im BLW zu organisieren.

Das Modell SATURN wurde vom FBIH des BLW in Zusammenarbeit mit der Universität Bonn entwickelt. Die Entwicklung läuft noch, das Modell wurde jedoch bereits zur Beantwortung spezifischer Fragen eingesetzt. Mit der Entwicklung dieses Modells soll der Schweiz ein Instrument zur Verfügung stehen, das den internationalen Handelsverhandlungen so nahe wie möglich kommt. Zu den jüngsten Entwicklungen gehört die Modellierung des Nachfrageverhaltens ausgehend von den Handelsströmen auf der tiefsten Ebene bis zur stärker aggregierten Ebene der im Modell abgebildeten Agrarprodukte, von denen in der Schweiz mehr als 150 Produkte produziert werden. Derzeit wird das Modell durch eine komplexere Modellierung der Angebotsseite unter Einbezug der wichtigsten landwirtschaftlichen Vorleistungen ergänzt. Mittelfristig soll SATURN den FBIH mit detaillierteren quantitativen Analysen zur Schweizer Handelspolitik unterstützen.

Aglink-Cosimo (www.agri-outlook.org) ist ein Wirtschaftsmodell zur Analyse von Angebot und Nachfrage in der globalen Landwirtschaft. Es wird von den Sekretariaten der OECD und der FAO verwaltet. Genutzt wird es zur Erstellung des OECD-FAO-Agrarausblicks sowie zur Analyse politischer Szenarien. Die Schweiz ist seit 2019 offiziell endogen in das Modell einbezogen. Damit erhält die Schweiz jedes Jahr mittelfristige Projektionen für die wichtigsten vom Modell erfassten Agrarprodukte. Der FBIH des BLW ist für die Aktualisierung der Basisdaten für die Schweiz verantwortlich. Im Rahmen dieses Prozesses wird jährlich ein Fragebogen ausgefüllt und ans OECD-Sekretariat übermittelt. Dieser Fragebogen ist Bestandteil der Basisdaten des Aglink-Modells, das die OECD-Länder abdeckt. Der FBIH hat so dazu beigetragen, die schweizerische Handelspolitik im Modell treffender darzustellen. Die vom Modell gelieferten Projektionen können auch zur Definition des Referenzszenarios in anderen im BLW verwendeten Wirtschaftsmodellen verwendet werden. Schliesslich ermöglicht das Modell den Zugriff auf ein sehr detailliertes Set von Indikatoren (z. B. Anteil importierter Proteine/Kalorien am Inlandkonsum; Treibhausgasemissionen) und politischen Parametern.

Die Experten und Verantwortlichen für die im FBIH verwendeten Modelle unterstützen das Team für internationale Handelsverhandlungen des BLW. Diese Unterstützung ist von aussen nicht sichtbar, aber zentral für die Erarbeitung einer auf fundierten Daten beruhenden Politik.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die verwendeten Modelle. Ein Hauptgrund, weshalb der FBIH das Modell CAPRI verwendet, ist die Möglichkeit, die Auswirkungen der Handelspolitik auf die Treibhausgasemissionen zu analysieren. SATURN mit seiner sehr detaillierten Erfassung von Agrarprodukten ermöglicht eine genauere Darstellung der Szenarien, die im Rahmen der internationalen Handelsgespräche diskutiert werden. Aglink-Cosimo ist ein rekursiv-dynamisches Modell zur Projektion der Entwicklung der Agrarmärkte in den nächsten zehn Jahren unter Berücksichtigung der internationalen Marktentwicklungen. Dadurch hat der FBIH auch Zugang zu relevanten und systematisch aktualisierten Informationen über die Agrarmärkte und -politik in verschiedenen Ländern und Regionen.
 

Überblick über die im FBIH des BLW verwendeten Modelle

Aglink-CosimoCAPRISATURN
ModellartRekursiv-dynamisches partielles GleichgewichtKomparativ-statisches partielles GleichgewichtKomparativ-statisches partielles Gleichgewicht
Regionale AbdeckungAgrarmärkte für 36 Länder und 11 regionale AggregateAgrarmärkte für 45 HandelsblöckeSchweizer Agrarmärkte
ProduktabdeckungCa. 60 unverarbeitete und verarbeitete ProdukteRund 45 unverarbeitete und verarbeitete Produkte353 unverarbeitete und verarbeitete Produkte, davon 184 mit Produktion in der Schweiz
HandelNetto: Gehandelte Waren werden nicht nach Ursprungsland unterschiedenBilateral: Gehandelte Waren werden nach Ursprungsland unterschiedenBilateral: Gehandelte Waren werden nach Ursprungsland unterschieden (201 Länder)
SchwerpunktMittelfristige Projektionen für die Agrarmärkte und Analyse von agrarpolitischen SzenarienSimulation von agrar- und handelspolitischen Szenarien für die AgrarmärkteSimulation von handelspolitischen Szenarien der Schweiz auf den Schweizer Agrarsektor
Beweggründe des FBIHKenntnis der Trends auf internationalen Agrarmärkten, Zugang zu spezifischen Indikatoren und VariablenAnalyse der Handelspolitik in der Schweiz und im Ausland, inkl. Auswirkungen auf globale TreibhausgasemissionenDetaillierte Analyse der Schweizer Handelspolitik und der Auswirkungen auf den Schweizer Agrarsektor

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